top of page
  • Instagram
  • TikTok
  • Whatsapp
  • Youtube

Perfektionismus ablegen: Wie du deinen inneren Kritiker leiser machst

26. Okt.
8 Min. Lesezeit
Nachdenklicher Mann hält die Schläfen und blickt angespannt in die Kamera; unscharfer Raum mit Pflanze im Hintergrund.

Wenn gut nie gut genug ist


Du hast die Präsentation fertig, die Geburtstagsfeier deines Kindes ist vorbei und eigentlich lief alles gut. Trotzdem gehst du abends im Kopf noch einmal durch, was du hättest besser machen können. Der eine Satz war zu holprig, der Kuchen etwas zu trocken und warum hast du eigentlich vergessen, die Nachbarin zu fragen, wie es ihr geht? Das Lob der anderen rauscht an dir vorbei, während der kleine Fehler stundenlang nachhallt.


Vielleicht kennst du auch die Stimme, die sich meldet, bevor du überhaupt angefangen hast. Sie sagt dir, dass du dich nicht so anstellen sollst, dass andere das auch schaffen und dass du dich gefälligst mehr anstrengen musst. Diese Stimme nennen wir den inneren Kritiker, und bei vielen Menschen ist er so vertraut geworden, dass sie ihn gar nicht mehr als eigene Stimme wahrnehmen, sondern für die Wahrheit halten.


In diesem Artikel schauen wir uns an, was hinter Perfektionismus steckt, warum dein innerer Kritiker einmal einen guten Grund hatte, so laut zu werden, und wie du Schritt für Schritt lernen kannst, freundlicher mit dir umzugehen, ohne dabei deinen Anspruch an gute Arbeit aufzugeben.


Was Perfektionismus eigentlich ist


Perfektionismus wird oft als harmlose Eigenart abgetan, fast schon als Kompliment. Wer perfektionistisch ist, gilt als gewissenhaft, zuverlässig und ehrgeizig. In der psychologischen Forschung wird jedoch zwischen zwei Seiten unterschieden, die sich im Alltag ganz unterschiedlich anfühlen.


Die eine Seite ist das gesunde Streben. Du setzt dir hohe Ziele, freust dich über gute Ergebnisse und kannst einen Fehler als Information nutzen, um es beim nächsten Mal anders zu machen. Die andere Seite ist der selbstkritische Perfektionismus. Hier geht es weniger um das Ergebnis als um die Angst davor, nicht zu genügen. Fehler fühlen sich nicht wie ein Ausrutscher an, sondern wie ein Beweis dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt. Genau diese zweite Form steht in zahlreichen Studien im Zusammenhang mit Stress, Erschöpfung und Selbstzweifeln.


Infografik mit zwei Kästen: Gesundes Streben vs. selbstkritischer Perfektionismus, mit Stichpunkten auf weißem Hintergrund.

Nach außen sehen beide Seiten oft gleich aus, der Unterschied zeigt sich vor allem darin, wie du innerlich mit Fehlern umgehst.


Eine große Auswertung der Psychologen Thomas Curran und Andrew Hill aus dem Jahr 2019 zeigt außerdem, dass Perfektionismus bei jungen Erwachsenen über mehrere Jahrzehnte deutlich zugenommen hat, vor allem der Druck, den Erwartungen anderer entsprechen zu müssen. Das ist keine persönliche Schwäche, sondern auch eine Antwort auf eine Gesellschaft, die Leistung, Vergleich und Selbstoptimierung ständig belohnt.


Frau im roten Jacket sitzt am Seeufer und blickt auf spiegelglattes Bergpanorama mit Wald und Schnee im warmen Morgenlicht.

Woran du selbstkritischen Perfektionismus erkennst


  • Du kannst Lob schwer annehmen und relativierst es sofort.

  • Ein kleiner Fehler beschäftigt dich oft länger als zehn Dinge, die gut gelaufen sind.

  • Du schiebst Aufgaben vor dir her, weil du Angst hast, sie nicht gut genug zu erledigen.

  • Pausen fühlen sich verdient an, aber nur dann, wenn vorher alles erledigt ist.

  • Du bist zu anderen deutlich nachsichtiger als zu dir selbst.

  • Bitten um Hilfe fühlen sich für dich wie ein Eingeständnis von Schwäche an.


Wenn du dich in mehreren Punkten wiederfindest, bist du damit nicht allein. Viele Menschen, die nach außen souverän wirken, tragen innerlich genau diesen Druck mit sich herum.


Der innere Kritiker: Woher er kommt und warum er dich schützen wollte


Der innere Kritiker ist kein Feind, auch wenn er sich oft so anfühlt. Meistens ist er in einer Zeit entstanden, in der Anpassung wirklich wichtig war. Vielleicht bist du in einer Familie aufgewachsen, in der die Stimmung schnell kippen konnte, und hast früh gelernt, Fehler zu vermeiden, damit es ruhig bleibt. Vielleicht gab es Anerkennung vor allem dann, wenn du gute Noten nach Hause gebracht oder dich vernünftig verhalten hast. Oder du warst das Kind, das gemerkt hat, dass die Erwachsenen schon genug mit sich selbst zu tun haben, und deshalb möglichst wenig Ärger machen wollte.


In solchen Situationen ist es eine kluge Strategie, sich selbst streng zu beobachten. Wer seine eigenen Fehler zuerst entdeckt, kann sie korrigieren, bevor jemand anderes enttäuscht oder wütend wird. Der innere Kritiker hat dir also einmal Sicherheit gegeben. Er sitzt heute noch an derselben Stelle und versucht dich mit denselben Mitteln zu schützen, obwohl du längst erwachsen bist und ganz andere Möglichkeiten hast.


Dieser Blickwinkel ist wichtig, weil er etwas verändert: Du musst deinen inneren Kritiker nicht bekämpfen oder zum Schweigen bringen. Es reicht, wenn du ihn erkennst, verstehst, was er dir eigentlich sagen will, und ihm nach und nach eine neue Aufgabe gibst. Dazu passt auch unser Artikel Selbstliebe lernen: Warum Selbstzweifel Stress verstärken, in dem wir genauer auf die Verbindung zwischen Selbstwert und Stress eingehen.


Frau im hellblauen Hemd lehnt im Büro erschöpft den Kopf in die Hand und blickt nachdenklich.

Warum Perfektionismus Stress im Körper erzeugt


Selbstkritik passiert nicht nur im Kopf. Dein Nervensystem unterscheidet nicht besonders gut zwischen einer Bedrohung von außen und einer harten Stimme von innen. Wenn du dich innerlich anschreibst, reagiert dein Körper ähnlich wie bei einem Konflikt: Die Schultern ziehen sich hoch, der Atem wird flacher, der Kiefer spannt sich an und dein System schaltet in Alarmbereitschaft.


Die Psychologin Kristin Neff, die seit vielen Jahren zu Selbstmitgefühl forscht, beschreibt es so, dass wir bei Selbstkritik gleichzeitig Angreiferin und Angegriffene sind. Das erklärt, warum Perfektionismus so erschöpfend sein kann. Du stehst ständig unter Beobachtung, und zwar unter deiner eigenen, der du nicht entkommen kannst, auch nicht abends auf dem Sofa.


Diagramm zum Perfektionismus-Kreislauf: Hoher Anspruch, Angst vor Fehlern, Überarbeiten, schlechtes Ergebnis, innerer Kritiker.

Je mehr du gegen die Angst vor Fehlern anarbeitest, desto lauter wird oft der innere Kritiker, und der Kreislauf beginnt von vorn. Genau an diesen Stellen setzen die Schritte weiter unten an.


Selbstmitgefühl wirkt dabei wie ein Gegengewicht. Wenn du dir in einem schwierigen Moment Verständnis entgegenbringst, sprichst du eher das Beruhigungssystem in dir an, das auch bei Trost und Nähe zu anderen Menschen aktiv wird. Das heißt nicht, dass du alles schönredest. Es heißt, dass du dir selbst so begegnest, wie du einer guten Freundin begegnen würdest, die gerade einen Fehler gemacht hat. Mehr darüber, wie du dein Nervensystem je nach Zustand gezielt unterstützt, findest du in unserem Artikel Nervensystem regulieren: Welche Übung hilft in welchem Zustand?.


Frau mit Tasse sitzt im Sessel, Augen geschlossen, in hellem Wohnzimmer mit Pflanzen und Fensterlicht.

Perfektionismus ablegen: 6 Schritte, die deinen inneren Kritiker leiser machen


Perfektionismus legst du nicht an einem Tag ab, denn das Muster hat sich über viele Jahre eingespielt. Was du aber lernen kannst, ist, früher zu bemerken, wann es anspringt, und dann bewusst anders zu reagieren. Mit jeder Wiederholung wird der neue Weg in deinem Gehirn etwas vertrauter.


1. Gib deinem inneren Kritiker einen Namen


Sobald die Stimme einen Namen hat, zum Beispiel „die Strenge“ oder „Frau Müsste“, wird sie zu einem Teil von dir und nicht mehr zu deiner ganzen Wahrheit. Beim nächsten Mal, wenn sie sich meldet, kannst du innerlich sagen: „Aha, da ist sie wieder.“ Dieser kleine Abstand reicht oft schon, damit du nicht automatisch alles glaubst, was sie sagt.


2. Frag, wovor er dich schützen will


Hinter fast jedem harten Satz steckt eine Sorge. „Das ist peinlich, was du da abgibst“ bedeutet vielleicht: „Ich habe Angst, dass du abgelehnt wirst.“ Wenn du die Sorge dahinter erkennst, kannst du sie ernst nehmen, ohne dich selbst kleinzumachen. Du kannst dir zum Beispiel sagen: „Ich verstehe, dass du Angst hast. Ich kümmere mich darum, aber auf eine freundlichere Art.“


3. Sprich mit dir wie mit einer guten Freundin


Diese Übung kannst du gleich ausprobieren. Denk an eine Situation, in der du gerade streng mit dir bist. Stell dir jetzt vor, eine gute Freundin erzählt dir genau das von sich. Was würdest du ihr sagen?


Wahrscheinlich etwas wie „Das war ein anstrengender Tag, und du hast trotzdem so viel geschafft“ oder „Das ist menschlich, das passiert jedem mal“. Sag dir diesen Satz innerlich selbst, und leg dabei ruhig eine Hand auf dein Brustbein oder deinen Bauch. Die Berührung gibt deinem Körper ein zusätzliches Signal von Sicherheit.


4. Definiere „gut genug“ vorher


Perfektionismus hat kein natürliches Ende, denn irgendetwas lässt sich fast immer noch verbessern. Deshalb hilft es, vor einer Aufgabe festzulegen, wann sie fertig ist. Bei einer E-Mail kann das heißen: Die wichtigsten Infos stehen drin und der Ton ist freundlich. Bei einem Kindergeburtstag: Die Kinder hatten Spaß, alles andere ist Bonus. So gibst du deinem Kopf eine klare Ziellinie, an der er aufhören darf.


5. Übe bewusst kleine Unvollkommenheit


Dein Nervensystem lernt vor allem durch Erfahrung. Wenn du dir erlaubst, etwas absichtlich nur zu achtzig Prozent zu machen, und merkst, dass nichts Schlimmes passiert, sammelt dein Körper neue Beweise. Das kann eine Nachricht ohne dreimaliges Korrekturlesen sein, ein Abendessen ohne aufwendige Beilage oder ein Termin, zu dem du ungeschminkt gehst. Spür danach kurz nach, wie es dir geht. Meistens ist die Anspannung im Vorfeld größer als die Folgen.


6. Sammle, was gelungen ist


Unser Gehirn schenkt Fehlern von Natur aus mehr Aufmerksamkeit als Erfolgen, was in der Psychologie als Negativitätsverzerrung bekannt ist. Bei Menschen mit einem lauten inneren Kritiker ist dieser Effekt oft besonders stark. Nimm dir deshalb abends zwei Minuten und schreib drei Dinge auf, die heute gut gelaufen sind, auch kleine. Es geht nicht darum, dir etwas schönzureden, sondern darum, deinem Blick wieder ein vollständiges Bild zu geben.

Übung für die Woche: Jedes Mal, wenn du merkst, dass dein innerer Kritiker sich meldet, halte kurz inne, atme einmal lang aus und frag dich: „Würde ich das so zu jemandem sagen, den ich liebe?“ Wenn die Antwort Nein ist, formuliere den Satz so um, wie du ihn zu diesem Menschen sagen würdest.
Pastellfarbene Kursgrafik mit Light Hearted, Checkliste zu Selbstzweifeln, Gefühlen, Grenzen und Körperhaltung, online, 8 Wochen

Freundlicher mit dir werden: Unser Kurs Light Hearted


Alte Muster verändern sich selten durch einen einzelnen Aha Moment. Sie verändern sich durch Wiederholung, durch kleine neue Erfahrungen im Alltag und durch das Gefühl, dass jemand dich auf diesem Weg begleitet. Genau dafür haben wir Light Hearted entwickelt.


In acht Wochen schaust du dir an, welche Glaubenssätze hinter deinem inneren Kritiker stehen, lernst deine Gefühle und Bedürfnisse besser zu verstehen und übst, Grenzen zu setzen und für dich einzustehen. Neben psychologischen Methoden arbeiten wir auch mit dem Körper, denn Selbstwert ist nicht nur eine Frage der Gedanken, sondern auch der Haltung, mit der du durch den Tag gehst.

  • 8 Module mit Videos, Audios, Übungen und Workbook

  • etwa 60 Minuten pro Woche, Start jederzeit, ohne feste Termine

  • entwickelt von Hanna (Psychologin und Traumatherapeutin) und Jess (Ergotherapeutin)

  • zertifiziert nach § 20 SGB V und von Krankenkassen anerkannt


Als gesetzlich Versicherte kannst du dir die Kursgebühr von 99 € nach Abschluss je nach Satzung deiner Krankenkasse anteilig oder vollständig erstatten lassen.

Anzeige für Online-Präventionskurs Light Hearted auf rosa Farbverlauf, mit Text: 8 Wochen, komplett online, Start jederzeit.

Häufige Fragen zu Perfektionismus


Ist Perfektionismus eine psychische Erkrankung?


Nein, Perfektionismus ist keine eigene Diagnose, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, das unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Ein sehr hoher selbstkritischer Perfektionismus steht allerdings in Studien in Zusammenhang mit Erschöpfung, Ängsten und depressiven Verstimmungen. Wenn du merkst, dass dein Alltag stark darunter leidet, ist ein Gespräch mit einer Psychotherapeutin oder deiner Hausärztin ein guter nächster Schritt.


Kann man Perfektionismus wirklich ablegen?


Die Neigung zu hohen Ansprüchen verschwindet meistens nicht komplett, und das muss sie auch nicht. Was sich verändern lässt, ist der Ton, mit dem du dir selbst begegnest, und wie viel Macht der innere Kritiker über deine Entscheidungen hat. Viele Menschen erleben, dass sie mit der Zeit gelassener werden, ohne dabei an Qualität zu verlieren.


Werde ich nachlässig, wenn ich nicht mehr so streng mit mir bin?

Das ist eine der häufigsten Sorgen, und die Forschung zu Selbstmitgefühl zeigt eher das Gegenteil. Menschen, die freundlicher mit sich umgehen, können Fehler leichter anschauen, weil sie sich davon nicht so bedroht fühlen. Dadurch fällt es ihnen oft leichter, daraus zu lernen und dranzubleiben.


Was ist der Unterschied zwischen Perfektionismus und People Pleasing?


Beide Muster hängen eng zusammen. Beim Perfektionismus richtet sich der Druck vor allem auf deine Leistung, beim People Pleasing auf die Zufriedenheit der anderen. Dahinter steht häufig derselbe Wunsch, durch Anpassung sicher und gemocht zu sein. Wie du lernst, auch mal Nein zu sagen, erfährst du in unserem Artikel Nein sagen lernen (Link ergänzen, sobald online).


Gründerinnen von R3COMPLETE - Jessika Jügel und Hanna Wallgren

Über uns: Hanna & Jess von R3COMPLETE


Wir sind Hanna und Jess, Freundinnen, Mamas und die Gründerinnen von R3COMPLETE. Hanna ist Psychologin, Traumatherapeutin und zertifizierte Trainerin für Stress und Ressourcenmanagement. Jess ist Ergotherapeutin mit Schwerpunkt Neurorehabilitation, Pilates Trainerin, Natur und Erlebniscoach und ebenfalls zertifizierte Trainerin für Stress und Ressourcenmanagement.


Mit R3COMPLETE entwickeln wir zertifizierte Online Präventionskurse, die psychologisches Wissen mit körperorientierten und alltagstauglichen Übungen verbinden: Calm & Grounded für ganzheitliche Stressbewältigung, Light Hearted für mehr Selbstvertrauen und Selbstannahme, Mama Selfcare für Mütter zwischen Mental Load und Familienalltag und Stark gegen Stress für Kinder von 8 bis 12 Jahren. Alle Kurse sind nach § 20 SGB V zertifiziert und von Krankenkassen anerkannt, denn unser Motto lautet: Wohlbefinden sollte kein Luxus sein.


Quellen

  • Curran, T. & Hill, A. P. (2019). Perfectionism is increasing over time: A meta-analysis of birth cohort differences from 1989 to 2016. Psychological Bulletin, 145(4), 410–429.

  • Neff, K. (2012). Selbstmitgefühl: Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden. Kailash.

  • Gilbert, P. (2009). The Compassionate Mind. Constable.

bottom of page