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Vagusnerv stimulieren - Nervensystem regulieren

vor 4 Tagen
8 Min. Lesezeit

Was dahintersteckt und welche Übungen sinnvoll sind


Vagusnerv abgebildet in einer Grafik

Der Vagusnerv: Vom Fachbegriff zum Trendthema


Vor ein paar Jahren kannten den Vagusnerv vor allem Menschen aus Medizin und Therapie. Heute begegnet er dir auf Instagram, in Podcasts und in unzähligen Videos, in denen jemand gurgelt, summt, sich Eiswasser ins Gesicht spritzt oder an den Ohren zieht und dabei verspricht, damit Angst, Erschöpfung und Verdauungsprobleme in den Griff zu bekommen.


Dahinter steckt ein echter und spannender Kern. Der Vagusnerv spielt tatsächlich eine wichtige Rolle dabei, wie dein Körper nach Stress wieder zur Ruhe kommt. Gleichzeitig wird vieles stark vereinfacht oder übertrieben, und manches, was als „Vagus Hack“ verkauft wird, ist wissenschaftlich kaum untersucht.

In diesem Artikel erklären wir dir, was der Vagusnerv eigentlich ist, was die Forschung über ihn weiß, wo die Mythen anfangen und welche Übungen im Alltag wirklich sinnvoll sind, wenn du dein Nervensystem unterstützen möchtest.


Was der Vagusnerv ist und was er in deinem Körper macht


Der Vagusnerv ist der zehnte von zwölf Hirnnerven und der längste von ihnen. Sein Name kommt vom lateinischen Wort für „umherschweifend“, und das beschreibt ihn ziemlich gut. Er verläuft vom Hirnstamm über den Hals bis in den Brustkorb und den Bauchraum und verbindet dein Gehirn mit Herz, Lunge, Magen, Darm und vielen weiteren Organen.


Der Vagusnerv ist der wichtigste Nerv des Parasympathikus, also des Teils deines Nervensystems, der für Erholung, Verdauung und Regeneration zuständig ist. Wenn er aktiv ist, verlangsamt sich zum Beispiel dein Herzschlag. Sein Gegenspieler, der Sympathikus, bringt dich dagegen in Aktion, wenn du Energie brauchst oder Gefahr droht. Gesund ist nicht der eine oder der andere Zustand, sondern die Fähigkeit, flexibel zwischen beiden zu wechseln.


Besonders interessant ist, dass ein Großteil der Fasern im Vagusnerv, nach gängigen Schätzungen rund achtzig Prozent, Informationen vom Körper zum Gehirn leitet und nicht umgekehrt. Dein Gehirn erfährt über den Vagusnerv also ständig, wie es deinem Herzen, deiner Atmung und deinem Bauch gerade geht. Das erklärt, warum ein angespannter Bauch oder ein flacher Atem deine Stimmung beeinflussen kann und warum körperorientierte Übungen über diesen Weg auf dein Erleben zurückwirken können. Auch die enge Verbindung zwischen Stress und Verdauung läuft zu einem großen Teil über den Vagusnerv, mehr dazu findest du in Stress und Verdauung: Warum der Magen auf Belastung reagiert.


Infografik zum Vagusnerv: Gehirn, Ohr, Rachen, Herz, Lunge, Magen/Darm mit Text zu Signalen zwischen Körper und Gehirn.

Die Grafik ist stark vereinfacht, zeigt aber das Wichtigste: Dein Gehirn hört über den Vagusnerv vor allem zu, wie es deinem Körper geht. Genau deshalb können ruhiger Atem und sanfte Bewegung auf dein Erleben zurückwirken.


Was ist mit „Vagustonus“ gemeint?


Wenn von einem guten Vagustonus die Rede ist, geht es meistens darum, wie gut der Vagusnerv seine beruhigende Wirkung entfalten kann. Direkt messen lässt sich das nicht. In Studien wird stattdessen häufig die Herzratenvariabilität herangezogen, also die natürlichen Schwankungen zwischen zwei Herzschlägen. Eine höhere Herzratenvariabilität steht in vielen Untersuchungen im Zusammenhang mit besserer Stressregulation, ist aber ein Hinweis und kein vollständiges Bild.


Mythen und Fakten: Was die Forschung wirklich sagt


Rund um den Vagusnerv kursieren viele Aussagen, die einen wahren Kern haben, aber stark verkürzt sind. Hier ein ehrlicher Blick auf die häufigsten.


Mythos 1: „Mit diesem Trick resettest du deinen Vagusnerv in 30 Sekunden“


Ein Nerv lässt sich nicht resetten wie ein Router. Kurze Übungen können dir in einem Moment helfen, ruhiger zu werden, und das ist wertvoll. Wie gut dein Nervensystem langfristig zwischen Anspannung und Erholung wechseln kann, hängt aber von vielen Faktoren ab: Schlaf, Bewegung, Beziehungen, Belastungen im Alltag und wie regelmäßig du Erholung erlebst. Veränderung entsteht hier eher durch Wiederholung als durch einen einzelnen Trick.


Mythos 2: „Die Polyvagal Theorie ist wissenschaftlich bewiesen“


Die Polyvagal Theorie wurde in den 1990er Jahren von dem Psychiater und Neurowissenschaftler Stephen Porges entwickelt. Sie beschreibt drei Zustände des Nervensystems: Sicherheit und soziale Verbundenheit, Kampf oder Flucht sowie Erstarrung und Rückzug. Viele Menschen und auch viele Therapeutinnen erleben dieses Modell als sehr hilfreich, um eigene Reaktionen besser zu verstehen und sich weniger dafür zu verurteilen.


Gleichzeitig werden zentrale Annahmen der Theorie, etwa zur Evolution und zur genauen Funktionsweise einzelner Nervenäste, in der Fachwelt deutlich kritisiert. Der Psychophysiologe Paul Grossman hat 2023 eine ausführliche Kritik veröffentlicht, die mehrere Grundannahmen infrage stellt. Unser Fazit: Das Modell der drei Zustände ist als Landkarte für den Alltag nützlich, die neurophysiologischen Details solltest du aber nicht als gesicherte Tatsachen verstehen.


Fakt: Langsame Atmung mit langer Ausatmung ist gut untersucht


Am besten belegt ist der Einfluss der Atmung. Wenn du langsam atmest, besonders mit verlängerter Ausatmung, steigt bei vielen Menschen die Herzratenvariabilität, und sie berichten von mehr Ruhe. Das ist auch der Grund, warum fast alle seriösen Vagusnerv Übungen im Kern Atemübungen sind.


Fakt: Vagusnervstimulation gibt es auch als medizinische Behandlung


In der Medizin wird der Vagusnerv bei bestimmten Formen von Epilepsie und Depression mit einem implantierten Gerät elektrisch stimuliert. Daneben gibt es Geräte, die den Nerv über die Haut am Ohr reizen und frei verkauft werden. Diese werden aktuell intensiv erforscht, die Ergebnisse sind aber noch uneinheitlich. Bei gesundheitlichen Beschwerden gehört eine solche Behandlung in ärztliche Hände.


Vagusnerv Übungen, die im Alltag sinnvoll sind


Statt dem nächsten Hack hinterherzulaufen, lohnt es sich, auf Übungen zu setzen, die gut erklärbar sind, sich leicht in den Alltag einbauen lassen und dir ein echtes Gefühl von Sicherheit geben. Diese hier haben sich aus unserer Erfahrung und mit Blick auf die Forschung bewährt.


Infografik zu drei Zuständen: sicher und verbunden, Kampf oder Flucht, Erstarrung und Rückzug, mit passenden Übungen.

Die Übersicht hilft dir bei der Auswahl: Bist du eher aufgedreht, passen beruhigende Übungen, fühlst du dich eher leer, darf es sanft aktivierend sein.


1. Länger ausatmen als einatmen


Das ist die am besten untersuchte Übung. Atme vier Sekunden durch die Nase ein und sechs bis acht Sekunden langsam aus, für zwei bis fünf Minuten. Wenn du magst, kannst du beim Ausatmen leise summen, das verlängert die Ausatmung ganz von selbst und fühlt sich für viele angenehm an. Weitere Varianten und wann welche Atmung passt, findest du in unserem Artikel Atemübungen gegen Stress.


2. Kaltes Wasser ins Gesicht


Wenn du kaltes Wasser auf Stirn, Augen und Wangen bringst, löst das bei vielen Menschen den sogenannten Tauchreflex aus, bei dem sich der Herzschlag verlangsamt. Das kann in einem Moment starker Aufregung helfen, schnell etwas herunterzufahren. Spritz dir dafür einfach für ein paar Sekunden kaltes Wasser ins Gesicht oder halte ein kaltes, feuchtes Tuch auf die obere Gesichtshälfte. Bei Herzerkrankungen sprich das bitte vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab.


3. Orientieren: Den Raum mit den Augen erkunden


Wenn wir unter Stress stehen, verengt sich unser Blick, als würden wir einen Tunnel sehen. Bewusst den Raum zu erkunden, gibt deinem Nervensystem die Information, dass gerade keine Gefahr da ist. Lass deinen Blick dafür langsam von links nach rechts wandern und bleib kurz an Dingen hängen, die dir angenehm sind, eine Pflanze, ein Licht, eine Farbe. Dreh dabei auch den Kopf mit. Diese Übung ist besonders hilfreich, wenn Atemübungen dich eher unruhiger machen.


4. Sanftes Wiegen und Schaukeln


Rhythmische Bewegung beruhigt uns von Geburt an, nicht ohne Grund wiegen wir Babys. Setz dich hin und wiege deinen Oberkörper sanft von einer Seite zur anderen oder nach vorne und hinten. Auch langsames Gehen, Schaukeln oder ein ruhiger Tanz zu deiner Lieblingsmusik können diesen Effekt haben. Mehr über den Körper als Zugang zu Entspannung liest du in Körperorientierte Stressbewältigung: Stress nicht nur im Kopf lösen.


5. Berührung und Verbindung


Menschen beruhigen sich besonders gut in Gegenwart von anderen Menschen, denen sie vertrauen. Eine Umarmung, ein Gespräch mit einer Freundin oder gemeinsames Lachen sind deshalb keine Nebensache, sondern zentral für dein Nervensystem. Wenn gerade niemand da ist, kannst du dir selbst Halt geben: Leg eine Hand auf dein Brustbein und eine auf deinen Bauch, spür die Wärme deiner Hände und atme ein paar Mal ruhig darunter.


6. Singen


Singen verbindet gleich mehrere Elemente: eine lange Ausatmung, Bewegung im Kehlkopfbereich und, wenn du mit anderen singst, soziale Verbundenheit. Ob im Chor, unter der Dusche oder beim Gute Nacht Lied für dein Kind, du musst dafür nicht gut singen können.

Um das gleich auszuprobieren: Nimm dir jetzt eine Minute, lass deinen Blick langsam durch den Raum wandern und atme dabei dreimal lang aus. Spür danach nach, ob sich in deinen Schultern, deinem Kiefer oder deinem Bauch etwas verändert hat. Wenn ja, ist das eine gute Übung für dich, die du über die Woche mehrmals am Tag wiederholen kannst.
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Dein Nervensystem verstehen lernen: Calm & Grounded


Der Vagusnerv ist ein wichtiger Teil des Bildes, aber eben nur ein Teil. Wenn du lernen möchtest, deine Stressreaktionen insgesamt besser zu verstehen und je nach Situation gezielt gegenzusteuern, ist unser Kurs Calm & Grounded der passende nächste Schritt.


In acht Wochen erfährst du, wie Stress in Körper und Kopf entsteht, lernst Soforthilfen für akute Anspannung kennen und probierst körperorientierte, entspannende und mentale Methoden aus. Dabei geht es nicht darum, eine einzige richtige Technik zu finden, sondern herauszufinden, was dir in welchem Zustand guttut. Alle Inhalte sind verständlich erklärt und wissenschaftlich fundiert, ganz ohne Hype.

  • 8 Module mit Videos, Audios, Übungen und Workbook

  • etwa 60 Minuten pro Woche, Start jederzeit, ohne feste Termine

  • entwickelt von Hanna (Psychologin) und Jess (Ergotherapeutin mit Schwerpunkt Neurorehabilitation)

  • zertifiziert nach § 20 SGB V und von Krankenkassen anerkannt


Als gesetzlich Versicherte kannst du dir die Kursgebühr von 99 € nach Abschluss je nach Satzung deiner Krankenkasse anteilig oder vollständig erstatten lassen.

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Häufige Fragen zum Vagusnerv


Woran merke ich, dass mein Vagusnerv „schwach“ ist?

Das lässt sich im Alltag nicht verlässlich feststellen, und Listen mit Symptomen eines „schwachen Vagusnervs“ im Internet sind mit Vorsicht zu genießen. Was du wahrnehmen kannst, ist, wie leicht oder schwer es dir fällt, nach Stress wieder zur Ruhe zu kommen. Anhaltende körperliche Beschwerden wie Herzrasen, Schwindel oder Verdauungsprobleme solltest du ärztlich abklären lassen.


Wie schnell wirken Vagusnerv Übungen?

Manche Übungen, etwa langes Ausatmen oder kaltes Wasser im Gesicht, können schon nach wenigen Atemzügen spürbar beruhigen. Wie gut du insgesamt mit Stress umgehen kannst, verändert sich dagegen eher über Wochen, wenn du regelmäßig übst und auch auf Schlaf, Bewegung und Pausen achtest.


Kann ich den Vagusnerv überstimulieren?

Mit alltäglichen Übungen wie Atmung, Summen oder Bewegung ist das sehr unwahrscheinlich. Bei sehr kaltem Wasser oder langem Luftanhalten kann es bei empfindlichen Menschen zu Schwindel kommen. Elektrische Stimulationsgeräte solltest du nur nach Rücksprache mit einer Ärztin oder einem Arzt verwenden.


Ist die Polyvagal Theorie trotzdem hilfreich?

Für viele Menschen ja, als Bild für die verschiedenen Zustände, in denen sich unser Nervensystem befinden kann. Es kann entlastend sein zu verstehen, dass Erstarren oder Gereiztheit keine Charakterschwäche sind, sondern Stressreaktionen. Wichtig ist nur, das Modell nicht mit gesicherter Anatomie zu verwechseln.


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Über uns: Hanna & Jess von R3COMPLETE


Wir sind Hanna und Jess, Freundinnen, Mamas und die Gründerinnen von R3COMPLETE. Hanna ist Psychologin, Traumatherapeutin und zertifizierte Trainerin für Stress und Ressourcenmanagement. Jess ist Ergotherapeutin mit Schwerpunkt Neurorehabilitation, Pilates Trainerin, Natur und Erlebniscoach und ebenfalls zertifizierte Trainerin für Stress und Ressourcenmanagement.


Mit R3COMPLETE entwickeln wir zertifizierte Online Präventionskurse, die psychologisches Wissen mit körperorientierten und alltagstauglichen Übungen verbinden: Calm & Grounded für ganzheitliche Stressbewältigung, Light Hearted für mehr Selbstvertrauen und Selbstannahme, Mama Selfcare für Mütter zwischen Mental Load und Familienalltag und Stark gegen Stress für Kinder von 8 bis 12 Jahren. Alle Kurse sind nach § 20 SGB V zertifiziert und von Krankenkassen anerkannt, denn unser Motto lautet: Wohlbefinden sollte kein Luxus sein.

Quellen

  • Breit, S. et al. (2018). Vagus Nerve as Modulator of the Brain–Gut Axis in Psychiatric and Inflammatory Disorders. Frontiers in Psychiatry, 9, 44.

  • Grossman, P. (2023). Fundamental challenges and likely refutations of the five basic premises of the polyvagal theory. Biological Psychology, 180, 108589.

  • Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory. W. W. Norton.

  • Zaccaro, A. et al. (2018). How Breath-Control Can Change Your Life: A Systematic Review on Psycho-Physiological Correlates of Slow Breathing. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 353.

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