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Warum Selbstfürsorge vielen von uns so schwerfällt

  • Autorenbild: Hanna
    Hanna
  • vor 1 Tag
  • 13 Min. Lesezeit

Eigentlich wissen wir, dass Selbstfürsorge wichtig ist.

Wir wissen, dass wir Pausen brauchen. Dass unsere Bedürfnisse zählen. Dass wir nicht immer alles für alle auffangen können. Und trotzdem fällt es vielen von uns erstaunlich schwer, im Alltag wirklich danach zu handeln.

 

Wir sagen "Ja", obwohl wir "Nein" meinen.
Wir kümmern uns erst um alle anderen und merken oft viel zu spät, wie erschöpft wir selbst eigentlich sind.
Wir spüren eine Grenze, überschreiten sie aber trotzdem.
Wir merken, dass etwas nicht guttut, halten aber weiter durch.

Und selbst wenn wir uns einmal Zeit für uns nehmen, ist da häufig dieses schlechte Gewissen. Diese innere Unruhe. Der Gedanke, dass wir eigentlich noch etwas erledigen, helfen oder leisten müssten.


Selbstfürsorge klingt in der Theorie oft einfach. In der Praxis berührt sie jedoch häufig sehr alte Muster, denn viele von uns haben früh gelernt: Wenn ich es anderen recht mache, bin ich sicher.


Rosa Lotusblüten ragen aus dichtem Morgennebel über großen grünen Blättern.

Wenn Anpassung einmal Sicherheit bedeutet hat


Als Kinder sind wir auf die Menschen um uns herum angewiesen: wir brauchen ihre Nähe, ihre Zuwendung und ihre Unterstützung. Wir möchten dazugehören, gesehen werden und das Gefühl haben, dass alles in Ordnung ist. Deshalb beobachten Kinder sehr genau, wie die Erwachsenen in ihrem Umfeld reagieren:

  • Wann ist Mama entspannt?

  • Wann ist Papa stolz?

  • Wann freut sich die Lehrerin?

  • Was macht Oma glücklich?

  • Wann entsteht Streit?

  • Wann bin ich „lieb“, „vernünftig“, „pflegeleicht“ oder „brav“?

 

Nicht immer wird uns offen gesagt, dass unsere Bedürfnisse weniger wichtig sind. Häufig lernen wir es viel subtiler:

Vielleicht wurde gelobt, wenn du dich angepasst hast.

Vielleicht hast du gemerkt, dass es leichter war, ruhig zu bleiben, als deine Wut zu zeigen.

Vielleicht war ein Elternteil überfordert und du wolltest keine zusätzliche Belastung sein.

Vielleicht wurde erwartet, dass du vernünftig bist, Rücksicht nimmst oder dich schnell wieder beruhigst.

Vielleicht hast du erfahren, dass Harmonie entsteht, wenn du deine eigenen Wünsche zurückstellst oder dass Anerkennung vor allem dann kommt, wenn du funktionierst, hilfst oder Leistung bringst.

Ein Kind denkt in solchen Situationen nicht bewusst:

  • „Ich stelle meine Bedürfnisse zurück, um Bindung und Sicherheit zu erhalten.“

  • Es spürt eher:

  • „Wenn es den anderen gut geht, ist alles sicher.“

  • „Wenn niemand enttäuscht ist, habe ich nichts falsch gemacht.“

  • „Wenn ich unkompliziert bin, werde ich gemocht.“

  • „Wenn ich helfe, bin ich wichtig.“

  • „Wenn ich keine Probleme mache, gehöre ich dazu.“

Diese Strategien sind zunächst nicht falsch. Sie können für ein Kind sehr sinnvoll sein. Sie helfen dabei, Beziehungen zu schützen, Konflikte zu vermeiden und sich in der eigenen Umgebung möglichst sicher zu fühlen.

Schwierig wird es, wenn wir diese Strategie als Erwachsene weiterführen, obwohl sie uns längst nicht mehr schützt, sondern erschöpft.


Nachdenkliche Frau im blauen Hemd sitzt am Schreibtisch und hält sich den Kopf; helle, ruhige Büroszene.

Aus dem überangepassten Kind wird ein erschöpfter Erwachsener


Jahre später sieht das Muster oft ganz alltäglich aus: 

Du übernimmst Aufgaben, bevor jemand überhaupt darum bittet.
Du spürst sofort, wenn die Stimmung kippt, und fühlst dich dafür verantwortlich, sie wieder zu verbessern.
Du sagst Sätze wie „Ist schon okay“, obwohl es eigentlich nicht okay ist.
Du denkst lange darüber nach, ob dein Nein jemanden verletzen könnte.
Du kannst gut erkennen, was andere brauchen, weißt aber kaum, was du selbst möchtest.
Du hältst dich für egoistisch, sobald du dich einmal an die erste Stelle setzt.
Du funktionierst so lange, bis dein Körper oder deine Gefühle irgendwann nicht mehr mitmachen.

 

Nach außen wirkst du vielleicht hilfsbereit, belastbar und aufmerksam. Innerlich entsteht jedoch immer häufiger ein Gefühl von Leere, Überforderung oder Unzufriedenheit. Denn wer sich ständig danach richtet, was andere brauchen, verliert irgendwann den Kontakt zu sich selbst.

Nicht, weil keine eigenen Bedürfnisse vorhanden wären. Sondern weil sie so lange nach hinten gestellt wurden, dass sie kaum noch wahrnehmbar sind. Dann weißt du vielleicht genau, was dein Partner, deine Kinder, deine Kolleginnen oder deine Eltern brauchen.

Aber auf die Frage „Was brauchst du gerade?“ fällt dir kaum etwas ein.

Oder die Antwort ist sofort mit einem inneren Aber verbunden:

  • „Ich brauche Ruhe, aber ich kann die anderen doch nicht hängen lassen.“

  • „Ich möchte absagen, aber dann ist sie bestimmt enttäuscht.“

  • „Ich bräuchte Unterstützung, aber ich müsste das doch allein schaffen.“

  • „Ich will eigentlich nicht, aber es wäre unhöflich.“

So bleibt das eigene Bedürfnis zwar kurz sichtbar, wird aber direkt wieder von der vermeintlichen Verantwortung für andere überlagert.


Warum sich Selbstfürsorge so stressig anfühlen kann


Viele Menschen denken, ihnen fehle einfach die Disziplin, besser für sich zu sorgen. Doch häufig ist nicht mangelnde Disziplin das Problem, sondern ein Nervensystem, das gelernt hat, Anpassung mit Sicherheit zu verbinden.

 

Wenn du früh erfahren hast, dass Harmonie wichtig ist, kann ein Nein heute unbewusst wie eine Gefahr wirken. Nicht unbedingt wie eine große, bewusste Angst. Eher wie ein unangenehmes Ziehen im Bauch. Schuldgefühle. Innere Unruhe. Der Drang, dich zu erklären oder deine Grenze schnell wieder zurückzunehmen.

Du sagst "Nein" und möchtest sofort hinterherschieben:

  • „Aber nur, wenn es wirklich okay ist.“

  • „Ich kann vielleicht später doch noch helfen.“

  • „Es tut mir total leid.“

  • „Bitte sei jetzt nicht sauer.“

Dein erwachsener Verstand weiß möglicherweise, dass du ein Recht auf Grenzen hast. Ein anderer Teil in dir hat jedoch gelernt:

Wenn jemand enttäuscht ist, habe ich etwas falsch gemacht.

Wenn jemand unzufrieden mit mir ist, ist die Beziehung gefährdet.

Wenn ich mich für mich entscheide, lasse ich andere im Stich.

 

Deshalb kann Selbstfürsorge am Anfang als stressig empfunden werden:

  • Eine Pause fühlt sich nicht sofort erholsam an.

  • Ein Nein bringt nicht sofort Erleichterung.

  • Eine Grenze fühlt sich zunächst hart an.

  • Hilfe anzunehmen kann Scham auslösen.

  • Eigene Wünsche auszusprechen kann sich egoistisch anfühlen.

Das bedeutet nicht, dass die Entscheidung falsch war. Es bedeutet häufig nur, dass sie neu ist.


Wenn für andere da sein dazu führt, dass du dich selbst vernachlässigst


Für andere da zu sein ist etwas Wertvolles: Mitgefühl, Verlässlichkeit und Rücksicht sind wichtige Bestandteile guter Beziehungen. Selbstfürsorge bedeutet nicht, nur noch an sich selbst zu denken oder niemandem mehr entgegenzukommen.

 

Problematisch wird es dort, wo Fürsorge dauerhaft einseitig wird:

  • Wenn du immer zuhörst, aber kaum jemand fragt, wie es dir geht.

  • Wenn du ständig Verständnis aufbringst, deine eigenen Gefühle aber kleinredest.

  • Wenn du jede Enttäuschung anderer verhindern möchtest und dafür deine eigenen Grenzen übergehst.

  • Wenn du dich nur dann wertvoll fühlst, wenn du gebraucht wirst.

  • Wenn Helfen nicht mehr aus einer freien Entscheidung entsteht, sondern aus Angst, Schuld oder innerem Druck.

Dann ist es keine echte Fürsorge mehr. Dann wird sie zur Selbstaufgabe. Vielleicht gibst du so viel, dass irgendwann kaum noch etwas von dir übrig bleibt. Und vielleicht erwartest du trotzdem, dass du freundlich, geduldig und verständnisvoll bleibst.

So entsteht ein schmerzhafter Kreislauf:

  • Du möchtest niemanden enttäuschen - deshalb gehst du über deine Grenzen.

  • Dadurch wirst du erschöpfter und gereizter - dann fühlst du dich schuldig, weil du nicht mehr so liebevoll reagieren kannst, wie du möchtest.

  • Also strengst du dich noch mehr an - bis irgendwann gar nichts mehr geht.


Warum wir oft erst spät merken, wie unglücklich wir sind


Anpassung wird gesellschaftlich häufig belohnt:

  • Menschen, die viel übernehmen, gelten als zuverlässig.

  • Menschen, die selten Nein sagen, als unkompliziert.

  • Menschen, die ihre Gefühle zurückhalten, als stark.

  • Menschen, die sich um alle kümmern, als besonders liebevoll.

 

Deshalb fällt lange kaum auf, welchen Preis wir dafür zahlen.

 

Vielleicht sieht dein Leben von außen gut aus. Du bekommst vieles hin, bist für andere da und erfüllst deine Aufgaben. Trotzdem fühlst du dich innerlich zunehmend abgeschnitten von dir selbst:

  • Du bist müde, obwohl du dich ausruhst.

  • Du bist gereizt, obwohl du eigentlich verständnisvoll sein möchtest.

  • Du fühlst dich einsam, obwohl viele Menschen um dich herum sind.

  • Du hast das Gefühl, nur noch zu funktionieren.

  • Du weißt nicht mehr, worauf du dich freust.

  • Oder du merkst, dass du insgeheim wütend auf Menschen wirst, denen du selbst immer wieder mehr gibst, als du eigentlich geben möchtest.

 

Diese Wut macht dich nicht zu einem schlechten Menschen. Sie kann ein Hinweis darauf sein, dass du dich zu lange selbst übergangen hast.

 

Manchmal zeigt sich die Unzufriedenheit nicht als großer Zusammenbruch. Es zeigt sich als leise Frage: Wann komme eigentlich ich dran?


Die scheinbare Sackgasse


Wenn du lange über Anpassung Sicherheit hergestellt hast, kann sich Veränderung unmöglich anfühlen. Vielleicht denkst du:

  • „So bin ich eben.“

  • „Ich kann doch nicht plötzlich nur noch an mich denken.“

  • „Die anderen kennen mich gar nicht anders.“

  • „Wenn ich mich verändere, enttäusche ich alle.“

  • „Ich weiß gar nicht, was ich überhaupt brauche.“

  • „Jetzt habe ich so lange funktioniert. Wie soll ich da herauskommen?“

 

Diese Gedanken sind verständlich, denn es geht nicht nur darum, ein paar Selfcare-Routinen einzuführen. Es geht darum, eine alte innere Regel langsam zu verändern.

Von: „Ich bin sicher, wenn alle anderen zufrieden mit mir sind.“

Hin zu: "Ich kann mich sicher fühlen, auch wenn jemand enttäuscht ist.“

 

Von: „Meine Bedürfnisse kommen zuletzt.“

Hin zu: „Auch meine Bedürfnisse gehören in diese Beziehung.“

 

Von: „Ich muss funktionieren, um wertvoll zu sein.“

Hin zu: „Mein Wert bleibt bestehen, auch wenn ich Grenzen habe.“

Das ist kein kleiner Schritt. Und genau deshalb muss er nicht hart oder radikal sein.


Pastellfarbene Wolken mit hellem Sonnenlicht und irisierenden Farben, weich und traumhaft.

Warum sich Veränderung zunächst unsicher anfühlt


Zu erkennen, dass ein altes Muster nicht mehr guttut, bedeutet leider nicht automatisch, dass es sich leicht verändern lässt. Denn unser Gehirn bevorzugt zunächst das, was es kennt. Nicht unbedingt, weil es gut für uns ist, sondern weil es vorhersehbar ist.

Wenn du jahrelang gelernt hast, sofort Ja zu sagen, die Stimmung anderer zu beobachten oder deine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, ist dieses Verhalten vertraut. Dein System weiß, was es dabei erwartet. Vielleicht führt es zu Erschöpfung, Frust oder dem Gefühl, dich selbst zu verlieren, aber es fühlt sich bekannt an,  eine neue Reaktion ist dagegen zunächst ungewohnt:

  • Du sagst nicht sofort zu, sondern bittest um Bedenkzeit.

  • Du erklärst dich nicht ausführlich.

  • Du lässt jemanden enttäuscht sein, ohne deine Grenze direkt zurückzunehmen.

  • Du sprichst aus, was du möchtest.

  • Du machst eine Pause, obwohl noch etwas zu erledigen wäre.

 

Solche Situationen können Nervosität, Schuldgefühle oder innere Unruhe auslösen. Nicht zwingend, weil du etwas Falsches tust, sondern weil du etwas anders machst als bisher. Dein Gehirn kann das Unbekannte zunächst schwerer einschätzen.


Es fragt sinngemäß:

  • „Was passiert jetzt?“

  • „Bleibt die Beziehung bestehen?“

  • „Bin ich noch sicher, wenn ich mich nicht anpasse?“

  • „Was, wenn jemand schlecht von mir denkt?“

 

Deshalb kann es passieren, dass du nach einer gesetzten Grenze sofort an dir zweifelst. Vielleicht möchtest du dein Nein zurücknehmen, dich entschuldigen oder doch noch eine Lösung anbieten. Dein altes Verhalten wirkt in diesem Moment fast beruhigend - einfach, weil es vertraut ist.

Was wir umgangssprachlich als Komfortzone bezeichnen, ist daher nicht immer wirklich komfortabel. Sie kann anstrengend, einschränkend und sogar schmerzhaft sein. Sie ist vor allem bekannt.


Dazu passt der sinngemäße Satz:

"Lieber die vertraute Hölle als der unbekannte Himmel."



Das klingt drastisch, beschreibt aber etwas sehr Menschliches: Wir halten manchmal an Situationen und Verhaltensweisen fest, die uns unglücklich machen, weil wir sie einschätzen können. Eine bessere Möglichkeit kann sich zunächst bedrohlicher anfühlen, wenn wir noch keine Erfahrung damit haben.


Genau deshalb ist Unsicherheit nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass du auf dem falschen Weg bist. Manchmal ist sie ein Zeichen dafür, dass du gerade ein altes Muster verlässt.

 

Jedes Mal, wenn du anders reagierst und erlebst, dass du die Nervosität aushalten kannst, entsteht eine neue Erfahrung:

  • „Ich kann Nein sagen und trotzdem verbunden bleiben.“

  • „Ich kann jemanden enttäuschen und bin trotzdem kein schlechter Mensch.“

  • „Ich kann meine Bedürfnisse aussprechen, ohne mich dafür schämen zu müssen.“

  • „Ich kann mich für mich entscheiden und trotzdem sicher sein.“

Mit der Zeit kann auch das Neue vertrauter werden. Was sich anfangs mutig, unbequem oder beinahe falsch angefühlt hat, wird Schritt für Schritt zu einer neuen Möglichkeit.

Du musst dich dabei nicht sofort sicher fühlen.
Du kannst etwas Neues tun und gleichzeitig nervös sein.
Du kannst zweifeln und trotzdem bei deiner Grenze bleiben.
Du kannst Angst vor einer Reaktion haben und dennoch für dich einstehen.

Veränderung beginnt nicht immer mit einem Gefühl von Freiheit. Manchmal beginnt sie mit Herzklopfen, einem schlechten Gewissen und der leisen Entscheidung, trotzdem nicht wieder zurück in das alte Muster zu gehen.


Du musst nicht von heute auf morgen alles verändern


Manchmal wird Selbstfürsorge zu einem weiteren Anspruch, dann lautet die innere To-do-Liste plötzlich: Mehr meditieren. Gesünder essen. Früher schlafen. Bessere Grenzen setzen. Weniger erreichbar sein. Mehr Sport machen. Mehr Zeit für mich nehmen.

Und schon entsteht wieder das Gefühl, nicht genug zu tun.

Doch Selbstfürsorge sollte kein neues Optimierungsprojekt werden! Du musst dein Leben nicht innerhalb weniger Tage komplett umstellen. Du musst nicht sofort jede Grenze aussprechen und jede Beziehung neu ordnen.

 

Es reicht, langsam wieder wahrzunehmen, dass auch du vorkommst. Vielleicht beginnt Selbstfürsorge nicht mit einem freien Wochenende. Vielleicht beginnt sie mit einem kurzen Innehalten, bevor du automatisch Ja sagst. Mit der Frage: „Möchte ich das wirklich?“

 

Vielleicht beginnt sie damit, Müdigkeit nicht sofort zu übergehen: mit zehn Minuten Ruhe, ohne sie zu rechtfertigen. Mit einem Satz wie: „Ich melde mich später dazu.“

 

Mit einer Bitte um Unterstützung. Mit einer Mahlzeit, bevor du dich weiter um alle anderen kümmerst. Mit dem ehrlichen Eingeständnis: „Das ist mir gerade zu viel.“

Diese Schritte wirken vielleicht klein. Für jemanden, der sich jahrelang an den Bedürfnissen anderer orientiert hat, können sie jedoch sehr groß sein.


Selbstfürsorge beginnt mit Wahrnehmung


Bevor du für dich sorgen kannst, musst du zunächst bemerken, wie es dir geht. Das klingt zwar selbstverständlich, ist es aber für viele nicht.

 

Wenn du gelernt hast, dich stark nach außen zu orientieren, wandert deine Aufmerksamkeit automatisch zu anderen, man hat gelernt "das Zimmer zu lesen": 

  • Wie ist die Stimmung?

  • Braucht jemand etwas?

  • Ist jemand enttäuscht?

  • Was wird von mir erwartet?

 

Der erste Schritt zurück zu dir kann deshalb darin bestehen, die Aufmerksamkeit immer wieder nach innen zu lenken:

  • Was spüre ich gerade in meinem Körper?

  • Bin ich müde, hungrig oder angespannt?

  • Was fühle ich?

  • Was brauche ich?

  • Was möchte ich?

  • Was ist mir gerade zu viel?

 

Du musst nicht sofort auf jede Antwort reagieren. Allein das Wahrnehmen ist bereits wichtig.


Denn jedes Mal, wenn du dich fragst, wie es dir geht, sendest du dir eine neue Botschaft:

Ich bin nicht nur dafür da, andere wahrzunehmen. Ich darf auch mich selbst beachten.


Grenzen dürfen ungewohnt sein


Wenn du beginnst, Grenzen zu setzen, werden nicht alle Menschen begeistert reagieren.

Manche sind vielleicht irritiert, weil sie daran gewöhnt waren, dass du immer verfügbar bist. Manche versuchen möglicherweise, dich umzustimmen. Manche nehmen dein "Nein" persönlich.

 

Das kann schmerzhaft sein. Besonders wenn du gelernt hast, die Zufriedenheit anderer als Maßstab dafür zu nutzen, ob du etwas richtig machst. Doch die Reaktion eines anderen Menschen entscheidet nicht darüber, ob deine Grenze berechtigt ist.

 

Jemand darf enttäuscht sein - und du darfst trotzdem Nein sagen.
Jemand darf sich etwas anderes gewünscht haben - und du darfst trotzdem bei deiner Entscheidung bleiben.
Jemand darf deine Veränderung ungewohnt finden - und du darfst dich trotzdem weiterentwickeln.

 

Das Ziel ist nicht, nie wieder Schuldgefühle zu haben. Das Ziel ist, nicht mehr jede Entscheidung von ihnen bestimmen zu lassen.


Du darfst lernen, Enttäuschung auszuhalten


Ein wichtiger Teil von Selbstfürsorge besteht darin, anzuerkennen, dass wir nicht verhindern können, dass andere manchmal enttäuscht sind.

Du kannst liebevoll kommunizieren, ehrlich sein und Rücksicht nehmen. Trotzdem wird es Situationen geben, in denen deine Bedürfnisse nicht mit denen eines anderen Menschen übereinstimmen. Das ist kein Beziehungsfehler -es ist ein normaler Teil zwischenmenschlicher Nähe, denn gesunde Beziehungen halten Unterschiede aus. Sie brauchen nicht die ständige Selbstaufgabe einer Person, damit sie bestehen bleiben.

Vielleicht besteht deine neue Sicherheit nicht mehr darin, jede Enttäuschung zu verhindern.

Vielleicht entsteht sie langsam aus der Erfahrung:

„Ich habe eine Grenze gesetzt, und ich bin noch da.“
„Jemand war nicht begeistert, und ich habe es ausgehalten.“
„Ich habe mich für mich entschieden, ohne ein schlechter Mensch zu sein.“
„Ich kann Verbundenheit erleben, ohne mich dafür zu verlassen.“

 

Diese Erfahrungen verändern alte Muster nicht durch bloßes Nachdenken. Sie verändern sie, weil du deinem System Schritt für Schritt zeigst, dass neue Wege möglich sind.


Selbstfürsorge darf sanft sein


Du musst dich nicht dafür verurteilen, dass du deine Bedürfnisse so lange übergangen hast. Du hast wahrscheinlich nicht bewusst entschieden, dich selbst zu vergessen. Du hast gelernt, auf eine bestimmte Weise Sicherheit, Anerkennung oder Zugehörigkeit herzustellen. Diese Strategie hat dir einmal geholfen.

 

Du kannst ihr heute mit Verständnis begegnen. Vielleicht kannst du dir sagen:

„Ich verstehe, warum mir das so schwerfällt.“
„Ich bin nicht schwach, nur weil ein Nein Schuldgefühle auslöst.“
„Ich muss nicht sofort mutig sein.“
„Ich darf in kleinen Schritten üben.“
„Ich muss nicht perfekt für mich sorgen, um etwas zu verändern.“

 

Die Erwartung an dich selbst darf sanfter werden. Du musst nicht aus einem Leben voller Anpassung direkt in vollkommene Selbstbestimmung springen. Du darfst dazwischen lernen: Zögern, Ausprobieren, Zurückrudern , es noch einmal versuchen.

Alte Muster bemerken, nachdem du ihnen gefolgt bist und beim nächsten Mal vielleicht ein paar Sekunden früher innehalten - auch das ist Entwicklung.


Steinplattenweg schlängelt sich durch dichtes grünes Gras im Garten, ohne Menschen oder Text.

Kleine Schritte zurück zu dir


Vielleicht kannst du in den nächsten Tagen auf einige kleine Momente achten:

  1. Bevor du Ja sagst, nimm dir einen Atemzug Zeit.

  2. Wenn jemand etwas von dir möchte, antworte nicht sofort.

  3. Frage dich einmal täglich, was du gerade brauchst.

  4. Achte darauf, wann du dich für deine Bedürfnisse rechtfertigst.

  5. Beobachte, bei welchen Menschen du besonders schnell in alte Anpassung rutschst.

  6. Nimm wahr, wann du erschöpft bist, ohne sofort weiterzumachen.

  7. Übe ein kleines Nein bei etwas, das nicht existenziell wichtig ist.

  8. Bitte um eine konkrete Form der Unterstützung.

  9. Plane eine Pause ein, bevor du sie dringend brauchst.

  10. Sprich mit dir freundlich, wenn es dir nicht gelingt.

Selbstfürsorge entsteht nicht nur durch große Entscheidungen, sie wächst durch viele kleine Momente, in denen du dich selbst nicht mehr automatisch übergehst.


Du bist nicht dafür verantwortlich, dass es allen gut geht


Dieser Satz kann zunächst hart klingen. Natürlich beeinflussen wir einander. Natürlich möchten wir Menschen, die wir lieben, nicht unnötig verletzen. Natürlich übernehmen wir Verantwortung in Beziehungen, Familien und Gemeinschaften, aber du bist nicht allein dafür zuständig, dass niemand enttäuscht, traurig oder unzufrieden ist.

Du kannst begleiten, ohne alles zu lösen.
Du kannst helfen, ohne dich aufzubrauchen.
Du kannst lieben, ohne dich selbst zu verlassen.
Du kannst Rücksicht nehmen, ohne dich dauerhaft zurückzustellen.

Und du kannst ein guter Mensch sein, auch wenn nicht immer alle mit deinen Entscheidungen glücklich sind.


Es gibt einen Weg aus diesem Muster


Vielleicht fühlt es sich gerade an, als wärst du in einer Sackgasse gelandet, weil du erkennst, dass dein bisheriger Umgang mit dir dich unglücklich macht - gleichzeitig wirkt jede Veränderung beängstigend, doch eine Sackgasse bedeutet nicht, dass du feststeckst - sie bedeutet nur, dass der bisherige Weg nicht weiterführt: Du darfst umdrehen. Langsam. Schritt für Schritt.

Du musst nicht genau wissen, wo du am Ende ankommen wirst. Es reicht, wenn du beginnst, dich selbst wieder mitzunehmen.

Jedes wahrgenommene Bedürfnis ist ein Schritt.
Jede Pause ohne Rechtfertigung ist ein Schritt.
Jede ausgesprochene Grenze ist ein Schritt.
Jedes Nein, das du nicht sofort zurücknimmst, ist ein Schritt.
Jeder Moment, in dem du dir selbst mit Verständnis statt mit Härte begegnest, ist ein Schritt.

Selbstfürsorge bedeutet nicht, dass du ab heute immer an erster Stelle stehen musst.

Vielleicht bedeutet sie zunächst nur: Ich stehe nicht mehr immer an letzter Stelle.


Zwei lächelnde Frauen vor Waldhintergrund mit R3COMPLETE-Logo und Text zu zertifizierten Online-Kursen gegen Stress.

Selbstfürsorge kann gelernt werden


Wenn du dich in diesen Mustern wiedererkennst, bist du damit nicht allein!

 

Viele Menschen haben früh gelernt, sich anzupassen, Verantwortung für die Gefühle anderer zu übernehmen und ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Doch was einmal gelernt wurde, kann auch neu gelernt werden. Nicht durch mehr Druck , nicht durch den Anspruch, sofort alles richtig zu machen, sondern durch Bewusstsein, Übung und einen sanfteren Umgang mit dir selbst.

In unserem zertifizierten Online-Präventionskurs Light-Hearted lernst du, alte Denk- und Verhaltensmuster besser zu verstehen, deine Gefühle und Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen und Schritt für Schritt mehr für dich einzustehen.

Du beschäftigst dich mit Selbstvertrauen, Selbstannahme, Grenzen, inneren Überzeugungen und einem liebevolleren Umgang mit dir selbst.

Nicht mit dem Ziel, ab morgen niemanden mehr zu brauchen oder immer vollkommen selbstsicher zu sein. sondern damit du lernen kannst, für andere da zu sein, ohne dich selbst dabei zu verlieren.


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